Einleitung

Die beiden Begriffe Klavier und Medien rufen in der Regel recht unterschiedliche Assoziationen hervor. Auf der einen Seite lässt der Begriff Klavier an klassische Musikkultur denken, die heute leider nur von einer Minderheit gepflegt wird. Auf der anderen Seite drängt sich beim Begriff Medien die moderne Mediengesellschaft ins Bewusstsein. Diese ist assoziiert mit einer Beschleunigung der Lebenswelt, einer oft beklagten Neigung zur Oberflächlichkeit und Kommerzialisierung und nicht zuletzt dem drohenden Verlust von künstlerischem Erleben in Form einer sich auf allen Kanälen ausbreitenden Pop-Kultur.
In Diskussionen um die Bedeutung von Musikerziehung wird dieser Gegensatz häufig zum Thema. Musikerziehung versteht sich als bedeutsamer, aber auch gefährdeter Gegenpol zur modernen Medienkultur. Als Indiz für eine solche Gefährdung dieses musikalischen Gegenpols könnte etwa die Tatsache gewertet werden, dass heute kein Schulfach außer Religion bei deutschen Mittel- und Oberstufenschülern unbeliebter ist. Aktuelle Rückzugstendenzen des Faches Musik aus der Schule mögen also aus Sicht der Schüler als glückliche Fügung erscheinen.
Aber auch die Musikschul- und Instrumentalpädagogik, um die es uns gehen soll (und die im Folgenden auch als Musikpädagogik bzw. Musikerziehung bezeichnet wird), befindet sich in einer schwierigen Situation. Ein besonderer Interessenkonflikt zwischen Musikerziehung und Medieneinflüssen wird häufig artikuliert. Die Düsseldorfer Oberbürgermeisterin Marlies Smeets formuliert in ihrem Grußwort zur Festschrift einer Musikschule den Interessenkonflikt zwischen Medieneinfluss und musikalischer Aktivität, gemeint ist das instrumentale Spiel, folgendermaßen:

    "Gerade in der heutigen Zeit, in der die Medien zum passiven Musikkonsum verleiten, sind eigene musikalische Aktivitäten von besonderer Bedeutung." (Smeets 1996, 5)

Auch Reinhart von Gutzeit als Vorsitzender des Verbandes Deutscher Musikschulen sieht in seinem Beitrag zur selben Festschrift in der zunehmenden Verbreitung elektronischer Medien ein Faktum, das musikpädagogische Arbeit erschwert:

    "Unsere Arbeit — das ist eine Binsenweisheit — wird nicht gerade einfacher, denn die Hindernisse, die es zu bewältigen gibt, sind enorm: Die Alltagswelt der elektronischen Medien, die Tendenz zum Schnuppern und zum raschen fast-food-Erfolg, die Leere in den kommunalen Kassen." (v. Gutzeit 1996a, 15)

Dass die Musikerziehung um ihren Standort ringt, ja dass die musikalische Bildung sogar "im Ganzen" gefährdet sei, geht auch aus dem Memorandum zur Ausbildung für musikpädagogische Berufe des Deutschen Musikratsvom 12. Februar 2000 hervor. Dort wird vor dem Totalverlust musikalischer Bildung gewarnt, wobei unter den gefährdenden Faktoren ebenfalls die Medien genannt werden:

    "Der Deutsche Musikrat stellt mit Sorge fest, dass sich die gesellschaftliche Musikpraxis sowie das musikalische Lernen auf allen Ebenen einerseits und die Ausbildung für die musikpädagogischen Berufe andererseits in hohem Maße auseinander entwickelt haben. Eine Neubestimmung dieses Verhältnisses und Konsequenzen für die Ausbildungsinstitutionen sind unabweisbar, soll nicht die musikalische Bildung im Ganzen gefährdet sein. Die heutigen Ausbildungskonzepte verlängern immer noch einseitig Grundvorstellungen des 19. Jahrhunderts und reichen angesichts des gesellschaftlichen und kulturellen Wandels nicht mehr hin. Die Sorge ist vor allem bedingt durch

  • den im Zuge der Globalisierung ökonomischer und kultureller Prozesse beschleunigten Wandlung der individuellen und sozialen Realität von Kindern und Jugendlichen
  • die gravierend veränderte ökonomische und soziale Situation der Studierenden und ihre beruflichen Aussichten
  • die mediengeprägte Kulturlandschaft, die wesentliche Veränderungen des musikalisch-ästhetischen Handelns der Menschen zur Folge hat
  • den Widerspruch zwischen dem hohen Bedarf an musikalischem Lernen auf der einen und der ökonomischen Einengung musikalischen Lernens auf der anderen Seite
  • den beschleunigten Wandel schulischer und außerschulischer Bildungsinstitutionen und der von ihnen vertretenen Ziele und Inhalte.
  • Aus dem Gesagten folgt, dass die Ausbildungskonzepte für musikpädagogische Berufe dringend der Revision bedürfen." (Deutscher Musikrat 2001)

Aber inwiefern divergieren Musikkultur und Mediengesellschaft und wie begründet sich dieser Konflikt? In der Tat beruht zwar die Musikpädagogik, wie vom Deutschen Musikrat artikuliert, auf Grundvorstellungen des des 19. Jahrhunderts. Aber hat sie sich nicht weiterentwickelt und neue, aktuelle und überzeugende Konzepte entworfen? Kann sie mit äußeren Veränderungen nicht Schritt halten? Welchen Stellenwert kann das Musizieren in der Mediengesellschaft haben? In welche Richtung muss die Revision der musikpädagogischen Berufe sich bewegen? Am Beispiel des Klavierspiels soll diesem Fragenkomplex nachgegangen werden. Eine zentrale Frage wird dabei sein, welchen Einfluss Medien auf den Umgang mit Musik und das Musizieren haben. Es wird sich zeigen, dass dieser Einfluss fundamental ist.

Dieser Versuch, die aktuelle musikkulturelle Situation vor dem Hintergrund der Medienentwicklung zu beurteilen, erfordert zunächst einen Blick zurück. Im historischen Teil (Kapitel 2) wird die Entwicklung des Klavierspiels und die seiner Vermittlung in den letzten etwa drei Jahrhunderten beleuchtet. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Rolle zunächst vorwiegend schriftlicher Medien gerichtet. Kapitel 3 ist den medienwissenschaftlichen Grundlagen, insbesondere den technologischen Voraussetzungen der aktuellen Entwicklung neuer Medien- und Musiktechnologie gewidmet. Kapitel 4 soll die bis dahin geklärten Zusammenhänge zusammenführen und eine Einschätzung der aktuellen Situation versuchen, die auch einen Ausblick in die Zukunft erlaubt.